Beim Wahlkampf werben Parteien für die eigenen Ideen - könnte man meinen. Auch Politik professionalisiert sich weiter und das Ergebnis ist, dass wir neue Strategien sehen. Vor einigen Jahren haben wir gesehen, dass die Strategie der asymetrischen Demobilisierung sehr erfolgreich sein kann. Im Kern geht es bei dieser Strategie darum, dass die Wähler der anderen zu Hause bleiben.
In den letzten Jahren erleben wir vermehrt eine Strategie, die eher auf das Hervorheben der Schwächen des politischen Gegners abzielt: das sogenannte "Negative Campaigning".
Negative Campaigning bezeichnet eine Kampagnenstrategie, bei der es primär darum geht, den politischen Gegner zu diskreditieren. Statt sich auf eigene politische Inhalte zu fokussieren und diese zu präsentieren, konzentriert sich der Wahlkampf darauf, das Bild des Gegners zu schwächen. Dazu werden häufig Schwächen, Fehler und unvorteilhafte Aspekte der gegnerischen Kandidaten hervorgehoben. Solche Kampagnen operieren oft auf der emotionalen Ebeneund zielen darauf ab, Zweifel, Skepsis oder sogar Ablehnung beim Wähler hervorzurufen. Negative Kampagnen bedienen sich daher gerne an Karikaturen, provokanten Bildern und plakativen Slogans, die über soziale Medien rasch verbreitet werden. Gerne werden Dinge aus dem Kontext gerissen. Solche Kampangen wurden bei der Wahl 2021 vermehrt eingesetzt.
Negative Campaigning ist effektiv, weil es die Aufmerksamkeit (Stichwort Aufmerksamkeitsökomonie) weckt. Negative Informationen bleiben länger im Gedächtnis und lösen stärkere Reaktionen aus als positive Inhalte. Emotionen wie Angst, Abscheu oder Wut können Menschen stärker beeinflussen als rationale Argumente. Auch der Mechanismus (gerne auch der "Algorithmus") der sozialen Medien spielt eine Rolle, da polarisierende und kontroverse Inhalte eher geteilt und kommentiert werden. Politiker, die sich dieser Taktik bedienen, hoffen somit, das Verhalten der Wähler indirekt zu beeinflussen, indem sie den Gegner in ein schlechtes Licht rücken. Negative Campaigning wird so zur Abkürzung, um das Wählerverhalten zu manipulieren, ohne dass Wähler eine fundierte, inhaltliche Auseinandersetzung mit den Wahlprogrammen vornehmen müssen. Wer hat schon die Zeit oder die Lust sich die Originalquellen anzuschauen?
Es gibt unterschiedliche Muster, die angewandt werden. Selten sind die Inhalte verändert.
In der Regel sind die Inhalte entstellend aus dem Zusammenhang gerissen. Es kann sein, dass ein bestimmtes Bild oder ein Video in einer Art und Weise geschnitten wird, so verschwinden dann Teile des Bilde oder ein einschränkender Zusatz, der direkt nach dem Gesagten kam. Das ist nicht per se neu, denn schon in den 2000ern ging die Wanderausstellung "X für U - Bilder die Lügen" auf Reisen (hier ein paar Beispiele daraus). In einigen Fällen wird auch weggelassen, dass es sich bei dem Gesagten um ein indirektes Zitat gehandelt hat. Manchmal werden auch bestimmte Eigenschaften hervorgehoben, frühere Arbeitgeber oder Skandale reproduziert (die manchmal keine waren). Besonders beliebt ist in letzter Zeit, dass eine Aussage in etwas negatives gedreht wird. Aus "Ich möchte heute keine Nudeln." wird spielend "Er lehnt die italienische Küche ab.".
Diese Beispiele zeigen, wie Negative Campaigning oft auf oberflächliche Eindrücke statt auf inhaltliche Kritik setzt und so die öffentliche Wahrnehmung beeinflusst. Das das alles nicht neu ist und sich Leute schon lange darüber Gedanken machen zeigt eine legendäre Werbung des Guardian.
Spieltheoretisch kann man sich Negative Campaining als eine Option vorstellen, die einem selbst -1 und dem Gegner -10 auszahlt. Die Gesamtpunktzahl sinkt jedoch für beide.
Auch Faktenchecks sind keine Lösung, weil Faktenchecks auch noch mehr Aufmerksamkeit für die Falschausssage bringen (vgl. Werbung für die Wahrheit von Thomas Laschyk). Darüber hinaus besteht bei den empörenden Aussagen oft eine lockere Verbindung zur Wahrheit, so dass den Faktencheckern regelmäßig Parteilichkeit vorgeworfen wird.
Der Vergleich von Wahlprogrammen ist auch keine echte Lösung, weil diese meist so geschrieben sind, dass die Inhalte bei den eigenen Wählergruppen nicht anecken. Der Wahlomat geht in die richtige Richtung. Immer wieder fehlt jedoch die Möglichkeit differenziert antworten oder Nachfragen zu stellen.
Es müsste ein Format sein, dass auf Inhalte abstellt, aber zwingt die Prioriäten zu setzen, die auch in der späteren Parlaments- und Regierungsarbeit die schwerste Aufgabe sind. Ziel eines solchen Formats wäre es, die inhaltliche Auseinandersetzung zu fördern und Wählerinnen und Wähler dazu zu ermutigen, sich mit den politischen Positionen zu beschäftigen, statt von polemischen Kampagnen beeinflussen zu lassen.
Bei den Europawahlen gab eine Einigung von mehreren Parteien zu fairem Wahlkampf. Etwas Ähnliches wurde auch für die vorgezogene Bundestagswahl vorgeschlagen. Gleichzeitig laufen aber bereits Angriffe auf den politischen Gegner. Am Ende kann man sich immer darauf zurückziehen, dass es keine Aktion der Partei, sondern von unabhängigen Gruppen oder Einzelpersonen ist. Auch diese Entwicklung ist in den USA bereits professionalisiert. Dort gibt es sogn. "Political Action Comitees" die unabhängig vom Kandidaten agieren, auch wenn die Unabhängigkeit manchmal angezweifelt wird.
Auf LinkedIn erlebe ich derzeit viele diffamierende Angriffe auf andere Parteien. Vielleicht lese ich auch zu lange an diesen Inhalten, so dass diese mir bevorzugt ausgespielt wird und ich dem "Affen selbst Futter gebe". In einer Zeit von Social Media müssen sich auch die Anhänger an so eine Vereinbarung gebunden fühlen.
Negative Campaigning hat die politische Landschaft verändert und inhaltliche Diskussionen weiter verdrängt. Das liegt auch daran, was auf Social Media performt. Ein gemeinsamer Fokus auf Sachthemen könnte dieser Entwicklung entgegenwirken. Eine gewisse Absicht von Funktionsträgern in diese Richtung zu arbeiten, kann man erkennen. Aber schreiten diese Funktionsträger auch ein, wenn eine Sache Momentum hat und es eigene Wählerstimmen kosten könnte? Man kann sich überlegen, ob man selbst bei einem Fehler im Bezahlvorgang darauf hinweist, dass das Rückgeld zu hoch ist? Und würde man es auch tun, wenn die Person einen letzte Woche noch hart angegriffen hat?
Wir sehen, dass wir nur selbst die Qualität der politischen Debatte zu sichern und zu fördern können. Dazu gehört, auch unser Wort erheben, wenn die Sache eigentlich in unsere Richtung läuft. Fantastisch auf den Punkt bringt das aus meiner Sicht ein Comic von erzaehlmirnix, den ich mit freundlicher Erlaubnis der Autorin Dr. Nadja Hermann hier veröffentlichen darf:


Für diese Probleme gibt es weder ein Lösungsschema mit dem man gesichert zu einer Lösung kommt, noch gibt es eine bestimmbare Anzahl von Lösungen. Unser Ausbildungssystem trainiert uns auf das Lösen von Problemen, die eine sehr begrenzte Anzahl von Lösungen haben – zumeist sogar nur eine Lösung. Verzwickte Probleme versperren sich solchen Lösungen. Das hängt damit zusammen, dass diese Probleme ein hohes Maß an Unsicherheit mitbringen. Bevor der erste Stuhl designt wurde, wusste niemand, was ein Stuhl ist. Niemand weiß, was aus einem Steinblock wird, bevor nicht daran gearbeitet wurde.
In dieser Welt, in der Probleme komplex sind und die Anzahl von Möglichkeiten einen erschlagen, leben Designer seit Jahrtausenden. Aus diesem Grund kann man viele Punkte aus dem Design auch abseits davon verwenden. Wie IDEO für die Produktentwicklung oder eben wie Dave Evans und Bill Burnett auf Lebensgestaltung.
Wer hat nicht schonmal gedacht, dass sein eigener Lebensweg ein Rätsel ist, der sich jeder Lösung entzieht?
Life Design ist wie ein Design-Thinking-Workshop für dein Leben. Mit einem Fokus auf Anpassungsfähigkeit und Experimentierfreude wirst du lernen, wie du in einer Welt im Wandel zielgerichtet navigieren kannst. Gönn dir einen Blick in das Werkzeugkästchen von Evans und Burnett. Ihr Buch "Designing Your Life" ist randvoll mit Übungen, die keine Langeweile aufkommen lassen. Von kreativen Denkanstößen bis hin zu klaren Schritten – hier findest du den Bauplan für deine Lebensziele.
Videos von den beiden gibt es von Dave Evans und Bill Burnett. Das Buch findet man zum Beispiel hier.
Der Kernpunkt ist, dass man Dinge ausprobiert. Im "Design Thinking" nennt man das Prototyping. Mit kleinen Experimenten im Alltag entdeckst du, was wirklich funktioniert und was nicht. Probieren geht über Studieren – besonders wenn es um dein Leben geht.
Spannend finde ich in diesem Zusammenhang auch den Gedanken des Job Crafting. Am Ende verbringen wir doch einen Großteil unseres Lebens bei der Arbeit.
Doch durch Anpassungsfähigkeit und die Kunst des Experimentierens lassen sich Hindernisse überwinden. Protoyping und Testing sind übrigens auch im klassischen Design Thinking die am meisten unterschätzten Bereiche der Methode. Kleine Schritte führen oft zu den größten Veränderungen.
"Die meisten Menschen überschätzen, was sie in einem Jahr erreichen können und unterschätzen, was sie in zehn Jahren erreichen können." - Bill Gates

Life Design ermutigt dazu, dein Leben nicht als festes Konstrukt, sondern als ständigen kreativen Prozess zu betrachten. Dein Leben, dein Design – sei der Schöpfer deiner eigenen Geschichte.
]]>Einer meiner Gründe (die anderen Gründe finden sich hier) mich für ein Ratsmandat zu bewerben, war der Wunsch moderne Problemlösungstechniken in der Politik zu verproben. Nach einiger Zeit in der Praxis habe ich zwei Feststellungen gemacht:
1. Die Macht des Status-Quo ist riesig. Neben dem Status-Quo-Bias liegt das daran, dass in Gesprächen, in denen man eine Einigung mit allen möchte, die Alternative zum Verhandlungsergebnis immer der Status-Quo ist.
Exkurs: Ich würde mir übrigens eine Politik wünschen, in der die aktuelle Mehrheit, potentielle Mehrheiten der Zukunft einbindet und man probiert eine konsensuale Lösung zu finden. In einem solchen Fall wäre die Alternative zum Verhandlungsergebnis die Auffassung der Mehrheit. Das zu verhandelnde Premium wäre aber eine Dauerhaftigkeit der Projekte durch einen breiten Konsens und in vielen Fällen vermutlich bessere Lösungen.
2. Das aktuelle System der Entscheidungsfindung behindert aktiv kooperatives Verhalten der Beteiligten. Den vorherigen Satz darf man gerne zwei Mal lesen. Es erscheint mir nämlich absurd. Wer meint, dass ein System oder eine Umgebung keinen Einfluss auf Menschen hat, der kann sich gerne mal zum Milgrim-Experiment oder zum Stanford-Prison-Experiment informieren.
Wir nehmen für unser Beispiel an, dass bei jedem Schritt, indem man Kontakt mit Leuten außerhalb der eigenen Fraktion hat, gute Argumente für die Gegenseite dazu kommen, die aber nicht zwingend sind. Ein üblicher Ablauf ist so:
Gehen wir davon aus, dass es sich um ein Thema handelt, bei dem zunächst scheinbar beide Seiten gute Argumente haben. In der ersten Fraktionssitzung ist die Verteilung 10x ja und 2x nein. Mit den zusätzlichen Infomationen ist "nein" die richtige Variante. Bei jedem Kontakt mit Dritten einschließlich der Fraktionssitzung würden sich 33% durch die zusätzlichen Argumente überzeugen lassen. Wir haben also drei Durchgänge.
Bei freier Entscheidungsfindung, wären nach dem ersten Kontakt drei weitere Personen (1/3*10) von einem Nein überzeugt. Nach dem zweiten Kontakt zwei weitere Personen (1/3*7) und beim dritten Kontakt zwei weitere Personen (1/3*5). Am Ende wäre die Meinung 3 ja; 9 Nein. Der Vorschlag würde abgelehnt.
Nun bleiben die Annahmen, aber wer sich öffentlich festgelegt hat, bleibt dabei. Wer meint, dass vorangegangenes Verhalten spiele keine Rolle kann sich gerne zum eskalierenden Commitment oder zur "foot-in-the-door Technik" informieren. Bekannt ist hier das Experiment mit den Schildern im Vorgarten von Freedman und Fraser. Paradoxerweise müssen in unserem Beispiel genau die Leute, die die neuen Argumente gehört haben, sich im Anschluss festlegen. Damit verpufft der Effekt der Argumente. Denn selbst wenn jemand Zweifel an der Position der eigenen Fraktion bekommen hat, so wird er wenn mehrere andere mit "nein" abstimmen, ebenfalls mit "nein" abstimmen. Wahrscheinlich ist sogar einer der ursprünglichen Nein-Sager in einem der Ausschüsse und legt sich auf ggf. "ja" fest. Er wird dann auch im Rat dafür stimmen. Das Ergebnis würde dann 11:1 ausgehen.
Natürlich ist mir bewusst, dass es Mittel und Methoden gibt, diesem Problem zu entgehen.
Ein Schieben der Vorlage braucht eine Mehrheit. Das hat unterschiedliche Auswirkungen: Die Minderheit ist auf die Mitwirkung der Mehrheit angewiesen. Während es mal einen Brauch gab, beim Wunsch einer Fraktion auf Schiebung, mitzustimmen, ist davon nicht mehr viel übrig. Die Mehrheit kann leicht schieben, aber die Öffentlichkeit und auch die anderen Fraktionen haben ein Interesse den aktuellen Stand zu erfahren. Wenn alle vermutlich einer Meinung sind, dann kann man die knappen Ressourcen für andere Themen einsetzen. Es kann auch sein, dass es Sachverhaltsfragen gibt, die eine Entscheidung maßgeblich beeinflussen. Für die Mehrheit ist es aber sehr leicht, keine Begründung abzugeben. Auch die andere Variante der Enthaltung hat ihre Tücken, geht damit ebenso der Eindruck der Zögerlichkeit einher.
Die Tücken des Systems und den Einfluss auf die Entscheidungsfindung haben wir nun skizziert, aber wie könnte ein Reform aussehen?
Zunächst ist die Gliederung der Ausschüsse derzeit der Struktur der Stadtverwaltung nachempfunden. Das scheint mir nicht zwingend. Auch die weitgehende Kontinuität der Ausschüsse ist etabliert. Sonderthemen werden über Komissionen oder gelegentlich über gemeinsame Ausschussitzungen gelöst.
Das sind aber zusätzliche Termine und führt dazu, dass Querschnittsthemen keinen richtigen Ort der Beratung haben. Man könnte auch über prozessuale Ausschüsse wie einem Antragssausschuss nachdenken. Hier könnten schnell die unstreitigen und streitigen Punkte identifiziert werden.
Möglicherweise könnte auch gemeinsam zunächst darüber nachgedacht werden, welche Teile des Sachverhalts noch fehlen. Im Anschluss könnte ich mir auch vorstellen, dass die Strukturierung der Tagesordnungen in streitige und unstreitige Teile aufgeteilt werden könnte.
Man könnte auch bei der Presse oder den Bürgern abfragen, welche Themen besonders erklärungsbedürftig sind. In der Regel werden es die streitigen Themen sein, aber Ausnahmen sind nicht ausgeschlossen. Debatten über unstreitige Themen könnten so verkürzt werden.
Die wichtigste Maßnahme scheint mir aber zu sein, dass man sich der Effekte des Systems auf die Entscheidungen bewusst wird. Nicht selten höre ich bei Nachfragen auf Kompromissmöglichkeiten die Antwort, dass es nun zu spät sei. Ich denke, es ist selten zu spät für eine bessere Lösung. Gute Kompromisse lassen sich aber nur finden, wenn man die Positionen der anderen Seite versteht. Ausführliche Beiträge gibt es aber oft erst in der Ratssitzung.
Das NKomVG gibt einen gewissen Rahmen vor, aber in diesem Rahmen werden die Möglichkeit am "wie" einer Zusammenarbeit nur selten erprobt. Oft siegt der Status-Quo, dessen Macht, ist aber auch riesig.
]]>Eine Kommune muss auf einen ausgeglichenen Haushalt hinwirken, vgl. § 110 NKomVG. Wenn also eine Kommune ein Haushaltsdefizit ausweist, dann muss sie dieses Defizit abbauen und die Kommunalaufsicht achtet darauf, dass sie diese Aufgabe auch ernst nimmt. Gespart werden muss daher in der Regel auf Ausgabenseite oder es werden Hebesätze erhöht. Hebesätze sind ein kommunaler Multiplikator, der bei kommunalen Steuern von den Gemeinden festgesetzt wird.
Der Kern der Sparmaßnahmen betrifft regelmäßig die Ausgabenseite. Wichtig ist dafür die Unterscheidung zwischen freiwilligen Leistungen und Pflichtaufgaben. Eine Kommune muss alle Pflichtaufgaben erfüllen und wenn Geld "übrig" ist, dann darf die Kommune freiwillige Leistungen bezahlen. Man ist sich einig, dass eine Kommune ganz ohne freiwillige Leistungen keine echte Selbstverwaltung mehr hat. Aber wo diese Grenze ist, bleibt regelmäßig offen, so dass ausreichend Druck auf kommunale Entscheidungsträger ausgeübt wird, die freiwilligen Leistungen zu streichen, wenn ein Haushaltsdefizit vorliegt.
Zu den Pflichtaufgaben gehören beispielsweise Dinge wie die Feuerwehr, die meisten Aufgaben des Bürgeramtes, das Ordnungsamt, die Baubehörde, die Straßenbehörde, die Friedhofsverwaltung, das Standesamt oder die Durchführung von Wahlen.
Freiwillige Leistungen sind Dinge wie Schwimmbäder, alle Aufwendungen für Kultur (Stadtbücherei, Museum, Theater, Dorfgemeinschaftshäuser) oder auch Kinderbetreuung über die Pflichtzeiten hinaus. Dazu gehören aber auch die Volkshochschulen, die Sportförderung oder Jugendzentren. Konkret für Hameln sind etwa Zuschüsse an die Hochschule Weserbergland, Radio Aktiv oder die HMT sind freiwillige Leistungen.
Im Zweifel werden die freiwilligen Leistungen dann gestrichen, damit die zusätzlichen Aufwände im Bereich der Pflichtaufgaben wahrgenommen werden können.
Die Ertragsseite der Kommunen ist im Detail komplex. Die Grundzüge jedoch sind schnell erklärt. Es gibt vier große Einkommenströme:
Hier hängen die Einnahmen maßgeblich von den angesiedelten Gewerbebetrieben ab. Wer viel Platz für die Ausweisung von Gewerbeflächen hat, gewinnt. Kommunen mit einer guten Haushaltslage können sich niedrige Hebesätze leisten, die weitere Unternehmen anziehen.
Die Grundsteuer bemaß sich nach dem Wert der Grundstücke in einer Gemeinde. Hierbei wurden Werte aus den 60ern verwendet, die alle 6 Jahre aktualisiert werden sollten. Das wurde nicht getan, was zur verfassungswidrigkeit des Systems führte. Bei der Lösung soll die Grundsteuer nun "aufkommensneutral" reformiert werden. Da die Grundstückswerte vorallem in Ballungsräumen gestiegen sind, zahlen die Ballungsräume also im Verhältnis zum Wert weiterhin eine geringere
Grundsteuer als die ländlichen Gebiete. Da die Grundsteuer auf Mieter umgelegt wird, kann man sich fragen, ob das grundsätzlich eine sinnvolle Regelung ist, aber das würde hier den Rahmen sprengen. Kommunen mit einer guten Haushaltslage können sich hier ebenfalls niedrige Hebesätze leisten.
Hier wird ein Schlüssel aus den Einkommensteuerzahlungen in der Kommune gebildet, nach der dann der kommunale Anteil der Einkommensteuer verteilt wird. Hohe Lohnniveaus führen also zu mehr Zuweisungen. Gleichzeitig gibt es aber einen Deckel, so dass sehr hohe Einkommen das System nicht verzerren. Soweit man aber Einwohner hat, die keine Steuern zahlen, gehen sie auch nicht in diesen Schlüssel ein.
Exkurs: Wir nehmen ein Bundesland mit zwei Kommunen mit je 10 Einwohnern. Eine Kommune (A) hat einen Einkommensmilionär und 9 Empfänger von Transferleistungen, die andere Kommune (B) hat 10 Einwohner mit je 100.000 Euro Einkommen. Die Verteilung wäre nun so, dass Kommune A 1/11 der Gelder bekommt und Kommune B 10/11 der Gelder aus dem Aufkommen der Einkommensteuer bekommt. Dabei zahlen die Steuerpflichtigen in der Kommune B übrigens knapp 330.000 EUR Einkommensteuer und in der Kommune A knapp 430.000 EUR Einkommensteuer.
Diese richten sich nach der Einwohnerzahl. Dabei bleibt es aber nicht, sondern es wird noch ein Faktor dazugenommen, der bei großen Städten über 1 liegt und bei kleinen Gemeinden unter 1 liegt. Nun wissen wir, dass Skaleneffekte eigentlich anders funktionieren. Große Städte profitieren darüber hinaus von vielen Arbeitsplätzen im öffentlichen Sektor (Ministerien/Universitäten etc.). Jetzt muss man sagen, dass größere Städte allerdings oft Infrastruktur (zB ein Theater oder Museen) vorhalten, die auch von den umliegenden Gemeinden genutzt wird. Großstädte haben aber oft das Glück, dass die örtlichen Kulturangebote direkt aus dem Landeshaushalt bezahlt werden (zB Theater oder Museen).
Der Grundgedanke des Systems ist, dass Kommunen in einen Wettbewerb treten. Das erscheint mir sinnvoll und richtig. Allerdings können Kommunen in der heutigen Zeit viele Erfolgsfaktoren nicht mehr selbst beinflussen. Eine Kommune hat kaum einen Einfluss auf ihre Anbindung an eine Autobahn oder Fernverkehr. Eine Kommune, die in Schieflage geraten ist, kann (jedenfalls derzeit noch) nicht den Weg in die Insolvenz antreten und nach einer Karenzzeit neu anfangen. Bei den Hebesätzen gibt es einen Mechanismus, zu Gunsten von Gemeinden mit hohen Hebesätzen (der ähnlich auch bei der Grunderwerbssteuer für die Länder verwendet wird), aber das würde hier ebenfalls den Rahmen sprengen.
Die Antworten der Landes- und Bundespolitik auf diese strukturelle Finanzierungsprobleme von Kommunen sind "Förderprogramme". Wenn man den Kommunen mehr Geld geben würde, dann würden die aus Sicht der "echten Parlamente" das ja nur für "die falschen Dinge" ausgeben. Manche von uns kennen das von Eltern, die der Auffassung sind, man gebe den eigenen Kindern kein Geld, weil sie sonst alles für Süßigkeiten ausgeben würden.
Man gibt also ein Ziel vor und hinterlegt Mittel. Schon kann man sich von den Zeitungen feiern lassen, man tue etwas beispielsweise für Radwege, indem man X Millionen bereit gestellt hat. Die lästige Planung und Umsetzung übernehmen die Kommunen mit eigenem Personal. Natürlich braucht man ein formelles Antragsverfahren, einen Kontrollmechanismus und natürlich einen Eigenanteil der Kommune, denn sonst macht die Kommune wieder Quatsch.
Für Landes- und Bundespolitik hat dieses Vorgehen eine Vielzahl von Vorteilen:
Die Nachteile liegen vor allem bei den Kommunen:
Aus meiner Sicht eignen sich sich volatile Einkommensquellen nicht für die Finanzierung von kommunalen Haushalten. Die Ausgabenseite hat neben übertragenen Aufgaben den Kern in der Darseinsvorsorge. Diese ist jedoch nicht gleichlaufend zur wirtschaftlichen Entwicklung, sondern allenfalls antizyklisch. Damit ist die Gewerbesteuer schlecht geeignet. Eine Grundsteuer, die auf Wohnfläche abstellt, lässt außer acht, dass die zusätzlichen qm in "schlechteren" Wohnlagen oder auf Land durch andere Nachteile "erkauft" werden. Eine Grundsteuer, welche sich am hart am Grundstückswert orientiert würde Stadtbevölkerung über die Gebühr belasten.
Interessant fänd ich ein Modell, welches "rollen- oder bedürfnisorientiert" arbeitet und Luft für Experimente lässt.
Man könnte sich das vorstellen, wie die Berechnung des Bürgergeld-Regelsatzes, nur dass bei einer größeren Anzahl von Leuten die Unplausibilitäten im Einzelfall keine Rolle spielen. Es gibt also für alle Kinder unter 6 einen bestimmten Betrag, der sich aus Teilbeträgen für Spielplätze, Kinderbetreuung, Familienhilfe etc. zusammensetzt. Wenn eine Gemeinde dabei Aufgaben von überregionaler Bedeutung wahrnimmt (etwa durch einen Vergnügungspark oder eine Kinderkrankenhaus, gibt es dafür einen zusätzlichen Betrag, der sich an den Kindern im Einzugsgebiet orientiert statt nur an den Kindern in der Gemeinde). Das ist sicher nur ein erster Gedanke. Im Kern geht es hier um die Problembeschreibung, nicht um die Lösung. In einem ersten Schritt würde ich mir wünschen, dass das Problem gesehen wird.
]]>Die Sorge um das Wohlergehen unserer Demokratie hat eine lange Geschichte. So beschrieb schon Friedrich-Ebert, dass eine Demokratie Demokraten braucht und Ernst-Wolfgang Böckenförde prägte die Feststellung, dass der freiheitliche, säkularisierte Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann.
Aus meiner Sicht sind Wahlrechtsreformen gute Schlaglichter, um einen Blick auf den Zustand der Parteiendemokratie zu werfen. Nach Art. 38 Abs 1 S. 2 GG sind Abgeordnete Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen.
Das Kernproblem des Wahlrechts der letzten Jahre war das sogn. negative Stimmgewicht. Hier konnte es dazu kommen, dass eine Partei durch zusätzliche Stimmen weniger Mandate erhielt. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass das BVerfG Überhangmandate ohne Ausgleich für zulässig hielt, soweit sie nicht in größerem Umfang als eine halbe Fraktionsstärke auftreten (das sind bei Regelgröße 15 Stück). Darüber hinaus ist oft unbekannt, dass Ausgleichsmandate nicht nur durch Überhangmandate ausgelöst werden, sondern auch durch einen Ausgleichsmechanismus zwischen den Bundesländern, damit auf die Bundesländer bezogen, jede Stimme gleichmäßig im Bundestag vertreten ist (vgl. auch unten die Lösung von Hesse). Eine gute Übersicht über die verfassungsrechtlichen Anforderungen bietet die Ausarbeitung des Wissenschaftlichen Dienstes vom 10. Nov. 2020.
Nun steht wieder eine Wahlrechtsreform an und die Ampelkoalition hat sich dazu entschlossen, den personalisierten Teil der Verhältniswahl zu marginalisieren. In knappen Wahlkreisen wird der Wahlkreisgewinner zittern müssen, ob er in den Bundestag kommt. Das Risiko, dass bestimmte Wahlkreise nicht mehr oder nur durch Kandidaten an den Rändern des politischen Spektrums vertreten werden, ist damit wahrscheinlich. Überraschungssiege werden seltener, denn diese sind meist knapp und die Überraschungssieger nicht durch die Landesliste abgesichert. Die Grundmandatsklausel wird umfassend abgeschafft. Das dürfte für die Linke unmittelbar existenzbedrohend und für die CSU immerhin noch sehr gefährlich sein. Die CSU erzielte bei der letzten Bundestagswahl 5,2 Prozent. Nach dem aktuellen Vorschlag wären nämlich bei 4,99 Prozent auch die Direktkandidaten nicht mehr vertreten, da einer Partei dann nach dem Zweitstimmenergebnis keine Sitze zustehen würden.
Im Kern führt diese Reform daher zu folgenden Punkten:
Eine Ausnahme soll für unabhängige Kandidaten gelten. Davon gab es zwar nur 1949 drei Stück. Wenn also unabhängige Kandidaten antreten, dann wären sie mit relativer Mehrheit gewählt, wenn sie das Pech haben in einer Partei zu sein, die die 5% Hürde nicht schafft, dann gibt es kein Mandat.
Ich würde mir wünschen, dass über die Spitzenkandidaten hinaus Persönlichkeiten wieder eine größere Rolle spielen. Im Rahmen der Kommunalwahl erlebt man es regelmäßig, dass die Wähler Kandidaten von Platz 10 der Liste direkt in den Kreistag oder Stadtrat wählen.
Die Wahlsysteme für die Kommunalwahl sind überwiegend ähnlich. Übertragen auf den Bundestag würde das bedeuten: Die Wähler hätten beispielsweise drei Stimmen und könnten diese einer Partei oder einem Kandidaten geben. Man kann kumulieren (mehrere Stimmen einer Person/Partei geben) und panaschieren (verteilen der Stimmen auf mehrere Personen/Parteien). Am Ende werden die Stimmen zusammengezählt und die jeweiligen Mandate an die Parteien verteilt (Verhältniswahl). Dann werden die Mandate nach Personenstimmen und Listenstimmen aufgeteilt (personalisiert) mit dem Effekt, dass besonders überzeugende Kandidaten auch von unteren Plätzen in der Liste ein Mandat erhalten können. Dann erhalten entsprechend Kandidaten von Listen die restlichen Plätze.
Damit solche Listen tatsächlich Sinn ergeben, müssten die Wahlkreise natürlich deutlich größer werden. Vier bis fünf Wahlkreise würden dann zu einem neuen Wahlkreis. Auf diesen größeren Wahlkreis würden dann 8-10 Abgeordnete entfallen. Damit hätte aber sogar jede Partei mit größerem Erfolg (ab ca. 10%) in jedem Wahlkreis einen Ansprechpartner.
Der Nachteile läge darin, dass die Wahlkreise noch größer werden. Schon heute haben Bundestagsabgeordnete wenig Zeit für Zeit in ihrem Wahlkreis. Darüber hinaus ist die Zahl ungültiger Stimmen bei Kommunalwahlen höher als bei Bundestagswahlen aber mit 2% immer noch gering.
Im Gegenzug erhielte man ein Wahlsystem, bei denen die persönliche Verantwortung des gewählten wieder stärker ausgeprägt ist und die Wahlberechtigten wieder mehr Kontrolle über den Ausgang der Wahlen haben. Die Macht von Landeslistengremien wird geringer, deren Arbeitsweise selbst für Parteimitglieder oft intransparent ist.
Aus meiner Sicht spricht viel dafür ein etabliertes Kommunalwahlsystem zu wählen. Es gibt aber noch andere interessante Gedanken, die bei einer Wahlrechtsreform hätten einbezogen werden können. Viele Ideen findet man auch auf der Seite des Vereins mehr Demokratie e.V.. Einen minimalinvasiven Eingriff hat der Stuttgarter Mathematiker Hesse vorgeschlagen.
Der Akt der Wahl ist derzeit ein Nullsummenspiel. Parteien können nur gewinnen, wenn andere Stimmen verlieren. Die Probleme um die sich Politik kümmert, sind aber grundlegend anders (vgl. Punkt 2: Wandel der Regeln)
Man könnte das Alter für das aktive Wahlrecht auf 16 Jahre verringern. Inzwischen hat man Erfahrungen durch Kommunalwahlen gesammelt. Schlimme Dinge sind ausgeblieben. Die erhöhte Quote an ungültigen Stimmen, könnte natürlich zum Teil auch darauf zurückführen sein (ich halte das jedoch nicht für wahrscheinlich).
Die Argumente sind ähnlich wie bei der Reduzierung des Wahlalters, aber es wird konsequenter umgesetzt. Wahlrecht ab der Geburt, welches zunächst noch von den Eltern ausgeübt wird. So bekommen Minderjährige eine Stimme in der Politik und auch ein entsprechendes Gewicht bei den Stimmen.
Es ist sehr schwer für neue Parteien in den Bundestag zu kommen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass der Bundestag auch mit Einzelmandatsträgern (SSW, Ex-AFD oder auch PDS in der Vergangenheit arbeitsfähig war).
Das Problem entsteht ja, weil Wähler die Erststimme und die Zweitstimme unterschiedlichen Parteien geben. Wenn man nun nur noch eine Stimme hat, verringert sich das Problem ganz maßgeblich.
Der Gedanke vom Wahlrecht als "Wettbewerbsrecht der Parteien" gefällt mir. Das setzt aber voraus, dass Parteien Zugeständnisse machen, wo es auf den ersten Blick nicht notwendig wäre. Langfristig würden damit alle gewinnen.
]]>Dazu gehört auch zu prüfen, ob ich meine eigenen Ansprüche auch eingehalten habe. Denn manchmal hat man in der Politik das Gefühl, dass Mandatsträger sich nicht mehr daran erinnern, warum Sie eigentlich um ein politisches Amt beworben haben.
Vielleicht vorab ein paar einleitende Worte zu mir (wer mich schon besser kennt, kann das gerne überspringen):
Mein Name ist Martin Lücke, ich bin Ende der 80er geboren und in Hameln aufgewachsen. Ich habe in meiner Jugend allerlei Sportarten ausprobiert (hauptsächlich Fuß-, Hand- und Basketball) und sonst meine Freizeit maßgeblich mit Pen & Paperrollenspiel und Computern verbracht.
Wenn man den Mittelpunkt zwischen Rathaus und Kreishaus nimmt und einen 500m Radius zieht, dann befinden sich darin
1. mein aktueller Wohnort, 2. mein Elternhaus, 3. das Elternhaus meiner Mutter und 4. das Elternhaus meines Vaters
Nach der Schule habe ich meinen Wehrdienst bei der elektronischen Kampfführung in Nienburg absolviert. Ich habe in Heidelberg Jura studiert und wurde dort auch promoviert. Nach meinem Referendariat habe ich ein Praktikum bei den Vereinten Nationen in New York gemacht und hatte dann meinen Berufseinstieg in der Lubahnstraße 2. Für mich ist lebenslanges Lernen ein wichtiges Thema, deswegen habe ich berufsbegleitend einen Abschluss in Wirtschaft in Berlin gemacht mit Fokus auf Gründung und habe auch verschiedene Zertifizierungen in Produkt- und Softwareentwicklung oder auch Prozessoptimierung.
Ich bin verheiratet, meine Frau kommt auch aus Hameln, arbeitet in Hannover und wir haben eine gemeinsame kleine Tochter. Kleiner Funfact: Meine Tochter ist nun in der gleichen KiTa, in der auch meine Frau und ich damals waren.
Zur einfacheren Lesbarkeit und weil ich selbst gerne Aufzählungen lese, führe ich nun 10 Gründe an. Die Punkte sind an Hameln adressiert. Die Aussagen lassen sich aber ohne Schwierigkeiten verallgemeinern auf den Landkreis und die übrigen Städte des Weserberglandes. Die Reihenfolge ist keine Priorisierung, sondern eher eine Gruppierung zum besseren Verständnis. Für genauere Ausführungen einfach auf die Überschriften klicken, die klappen dann aus.
Der Punkt klingt ein bisschen nach einem Ärztesong, aber ist eben doch die Wahrheit. Zum einen möchte ich, dass meine Tochter in einer blühenden Kommune aufwachsen kann. Einer Kommune, in der es kulturelle Angebote, Schwimmbäder und gute Bildungseinrichtungen gibt. Ich möchte, dass die Natur in der Umgebung erlebbar ist, damit sie die Wertschätzung erfährt, die ihr zusteht. Dafür braucht es clevere Lösungen. Am Ende möchte ich meiner Tochter sagen können, dass ich alles getan habe, damit Hameln eine bessere Stadt wird.
Es gibt die Unterscheidung zwischen endlichen Spielen und unendlichen Spielen. Endliche Spiele haben feste Regeln, eine bestimmbare Dauer und am Ende steht ein Ergebnis fest. Wahlen sind ein Beispiel für endliche Spiele (auch wenn jede Partei behauptet, ein Gewinner zu sein). Unendliche Spiele haben sich verändernde Regeln und kein Ende. Die Spieler spielen, um im Spiel zu blieben. Die inhaltlichen Fragen, mit denen sich die Politik beschäftigt, sind regelmäßig Beispiele für unendliche Spiele. Niemand kann Umweltschutz, Wirtschaftsförderung oder Kinderbetreuung "gewinnen". Die Regeln in diesem Spiel sind also nicht fix. Das kann Hameln nutzen.
Ich möchte moderne Problemlösungstechniken für die Ratsarbeit und für die Arbeit an den Problemen der Stadt einsetzen. Ich möchte eine Kultur der Hypothesen, Experimente und Co-Creation unterstützen. Für viele Dinge lassen sich "Prototypen" ausdenken. Es gibt in der Juristerei eine wachsende Szene, die über nutzerzentriertes Design von Verträgen spricht. Ich glaube, Verordnungen und Satzungen können auch den Nutzer mehr in den Blick nehmen. Hier können Aspekte aus dem Lean Startup genauso helfen wie Methoden aus dem Design Thinking oder Kenntnisse in statistischen Methoden.
Hilfegard Müller (die erste weibliche Bundesvorsitzende der Jungen Union) hat im Juni 2020 gesagt: "Ich beobachte eine große Entfremdung zwischen Politik und Wirtschaft". Den Eindruck habe ich für Hameln und das Weserbergland auch. Wenn man sich in einer Beziehung auseinandergelebt hat, dann tun beide Seiten gut daran, sich einander anzunähern. Ich möchte dafür arbeiten, dass neue Betriebe sich in Hameln und im Landkreis ansiedeln und bestehende Betriebe hier wachsen können. Ein Fall, dass ein in Hameln ansässiges Unternehmen nicht hier wachsen kann, darf nicht wieder passieren.
Es gibt viele Vorurteile gegen "die Politik". Die Politik ist jedoch keine einheitliche Masse. Vertrauen ist schwer erarbeitet und leicht verloren. Auch an dieser Stelle möchte ich statt Vorurteile nachzuplappern mir ein eigenes Bild machen. Bislang habe ich den Eindruck, dass die überwiegende Anzahl der Mandatsträger sich freut, wenn man in einem angemessenen Ton Probleme anspricht und eigene Erfahrungen teilt. Also möchte ich als nächsten Schritt selbst in die Mandatsarbeit eintreten und Erfahrungen teilen.
Ich denke, an dieser Stelle ist Hameln auf einem guten Weg. Es gab in den letzten Jahren mehrere Initiativen, die Bürger in die Arbeit der Stadt einzubinden (Hameln 2030, oder erste Maßnahmen beim Weserufer). Aus meiner Sicht ist das aber immer noch nicht genug. Digitale Tools bieten die Möglichkeiten, sich frühes Feedback von den Bürgern zu holen. So wäre beispielsweise schnell klar gewesen, dass ein weiteres Parkhaus nicht den Zeichen der Zeit und auch nicht dem Willen der Bürger entspricht.
Ich erlebe, dass viele Diskussionen als "entweder-oder" geführt werden. Bei einem Pärchen scheinen die Gräben jedoch besonders tief zu sein. Die Frage, ob Umwelt oder Wirtschaft Vorrang haben soll, lässt sich aus meiner Sicht nicht abstrakt beantworten. Schon das Teilen von Lebensmittel ist Wirtschaft. Schon das Atmen ist Umwelt. Das ist wie die Frage, ob Luft oder Nahrung Vorrang haben sollte. Ich möchte dafür eintreten, dass mehr in einem Modus von "sowohl-als-auch" gedacht wird. Ein erster Schritt wäre, dass man die jeweils andere Dimension mitdenkt. Wenn Entscheidungen bei ähnlicher Wirtschaftlichkeit nach Umweltkriterien entschieden werden, wäre schon viel gewonnen. Wenn man die Verwertung bei der Produktentwicklung mitdenkt, ist viel gewonnen.
Im Rahmen des Hamelner Forums im Herbst 2020 hat Frau Gabriele Krone-Schmalz aus Ihrem Buch "Respekt geht anders" gelesen. Die Aufmerksamkeitsökonomie tut unseren Debatten nichts Gutes. Um Dinge in einen Post zu bringen, müssen Dinge vereinfacht werden. Das wird der Komplexität der Probleme aber häufig nicht gerecht. Hier ist es aus meiner Sicht wichtig, dass man in einem solchen Fall nicht in die Debatte einsteigt, sondern sich zunächst über die Sachverhaltsbasis unterhält. Ich möchte darauf hinwirken, Debatten zu versachlichen, indem man sich zunächst einig wird, was man wissen müsste, um eine gute Entscheidung für unsere Stadt treffen zu können.
Aus meiner Sicht kommt der demographische Wandel mindestens genauso schnell und hart wie der Klimawandel. Die Rentenproblematik ist keine kommunale Angelegenheit. Wie man langfristig gutes Personal für die Verwaltung anziehen kann schon. Der Haushalt ist knapp, aber gute Mitarbeiter sind durch nichts zu ersetzen. Deswegen muss es auch darum gehen, abseits des Salärs keine Punkte liegen zu lassen.
Ich glaube, nur wenn wir Familien unterstützen, kann Hameln langfristig gedeihen. Familienpolitik kann Chancen bieten oder spalten. Familien fangen persönliche Schicksalsschläge auf. Sie bieten ein emotionales und häufig auch ein finanzielles Netz in der Not. Hierzu gehören ganz ausdrücklich auch die Großeltern, auch wenn nicht jeder das Glück hat, dass die Großeltern ihre Enkel unmittelbar aufwachsen sehen können. Familien sorgen aber auch dafür, dass die Schul- und Freizeitlandschaft in unserer Region erhalten bleibt. Eine gute Familienpolitik unterstützt den sozialen Frieden und bekämpft auch den Fachkräftemangel.
Wenn Sie bis hierhin gelesen haben, dann bedanke ich mich für Ihr Interesse und freue mich, wenn Sie mir eine oder mehrere Ihrer Stimmen geschenkt haben. Mit Ihren Stimmen bin ich in den Rat der Stadt Hameln für den Wahlbereich 2 (Nordstadt und Wehrbergen) eingezogen. Herzlichen Dank für Ihr Vertrauen.
Sollten Sie Kommentare oder Nachfragen haben, stehe ich selbstverständlich zur Verfügung. Schließlich würde ich mich freuen, wenn Sie an meiner (kurzen) Wählerumfrage teilnehmen. Diese wurde zwar für die Wahl erstellt, die inhaltlichen Fragen sind jedoch offen, so dass sie weiterhin aktuell sind.
Ihr Martin Lücke
Metahinweis: Die so dargestellten Texte geben Erklärungen, weiterführende Fragen oder Quellen an.
Digitale Plattformen haben Transaktionskosten minimiert und Anlagevermögen ausgelagert. Das Ergebnis ist eine fantastische Skalierbarkeit der Angebote und Geschäftsmodelle.
Transaktionskosten sind die Kosten, die nicht für das Produkt, sondern für die Transaktion (bspw. Standmiete, Ordergebühren oder Versand) anfallen.
Skalierbarkeit ist die Fähigkeit von Systemen zur Anpassung auf Größenveränderung. In der Regel geht es dabei um Wachstum.
Diese digitalen Plattformen hatten jedoch das Problem, dass sie die Qualität der angebotenen Waren nur unzureichend (und schon garnicht skalierbar) überprüfen konnten. Dieses Problem der Qualitätssicherung auf skalierbaren Plattformen hat Ebay bereits in den 90ern durch Bewertungen "gelöst".
Bewertungen lösen das Vertrauensproblem, welches durch das Fehlen von menschlicher und insbesondere wiederholender Interaktion entstanden ist. Menschliche Interaktion würde die Skalierbarkeit beschränken. Vertrauen über Bewertungen hat jedoch versteckte Kosten, insbesondere bei umstrittenen Produkten.
Ich frage mich, ob DLT (z. B. Blockchain), welche auch als "Trust without Trust" beschrieben werden, hier eine Antwort parat haben könnten.
Soziale Medien haben dieses Mittel der Qualitätssicherung in den gesellschaftlichen Bereich gebracht. Likes sind nicht so graduell wie Sterne, aber letztlich handelt es sich auch um Bewertungen. Das hat natürlich Auswirkungen.
Wenn das System darauf basiert, dass man positive Bewertungen erhält, dann passen Menschen ihr Verhalten an. Sie verhalten sich so, dass sie positive Bewertungen erhalten.
Verhaltensanpassungen auf Regeländerungen kennen wir aus dem Steuerrecht. So soll eine differenzierte Kraftfahrzeugsteuer oder eine Bevorzugung bei der 1%-Regelung dazu führen, dass umweltfreundlichere Autos gekauft werden. Wenn es dann Leasingrückläufer gibt, bei denen das Ladekabel noch eingeschweißt ist, dann merken wir, dass das System Schwächen hat.
China testet sehr erfolgreich einige Modelle für breite Anwendungsbereiche (sogn. Social-Scoring). Extremvarianten taugen bei uns noch zum satirischen Roman (vgl. Qualityland).
Ein schöner Artikel der NZZ zu diesem Thema findet sich hier.
Nun habe ich mich immer als sehr robust gegenüber Druck zur Konformität gehalten.
Im Zuge der Erstellung meiner Webseite, stellte ich mir dann die Frage: Wie werde ich gefunden? Hier ist das Stichwort "Suchmaschinenoptimierung" oder "SEO". Und schon habe ich mich dabei ertappt, wie ich Überschriften von Unterseiten verlängert habe, weil dies die Auffindbarkeit erhöhen soll.
Auch für LinkedIn lassen sich schnell Tipps finden, die einem helfen sollen, bei den eigenen Beiträgen mehr Reichweite zu erzeugen.
Nachdem mein letzter Beitrag über die neue Webseite und zum Download meiner Masterarbeit auf LinkedIn nicht einmal 10% meines Netzwerks erreicht hat, habe ich mich auch gefragt, ob ich etwas am Beitrag hätte ändern müssen. Der Beitrag wurde unmittelbar begraben, obwohl Content dahinter stand, der mehrere Wochen Arbeit in sich hatte.
Vielleicht möchte LinkedIn mich dazu konditionieren meine Beiträge direkt auf LinkedIn zu posten? Das ist vermutlich sehr erfolgreich, wenn man (etwa wirtschaftlich) auf die Reichweite angewiesen ist.
Wenn auf der Basis von Bewertungen eine Vorauswahl getroffen wird, was für mich und meine Umgebung relevant ist, dann werde ich mit fremden, neuen und vielleicht widersprüchlichen Meinungen oder Produkten überhaupt nicht mehr konfrontiert.
Kinder wachsen heute mit Filterblasen auf. Wie sollen sie dann lernen, fremde Meinungen auszuhalten und damit umzugehen? Wie sollen wir Erwachsene lernen, dass uns große Teile der Diskussion vielleicht vorenthalten werden?
Gerade im Widerspruch entsteht Erkenntnis. Ich ertappe mich regelmäßig selbst, wie ich Meinungen vertrete, die nicht meine sind, weil es a) die Diskussion voranbringt oder b) ich meine eigene Meinung auf die Probe stellen möchte.
Das macht es anderen hin und wieder schwierig, mich schnell in ein Raster einzusortieren. Je nach Umfeld vertrete ich soziale, liberale oder konservative Meinungen.
Natürlich gab es diesen Effekt bereits im analogen Zeitalter. In der FAZ wird man keinen Aufruf zur Revolution finden. Aber alle FAZ-Nutzer hatten denselben "Filter" und haben diesen "Filter" offen gewählt. Es lag auch offen, dass die Zusammenstellung von der Redaktion vorgenommen wurde. Bei nutzergeneriertem Content, von dem mir nur der Teil angezeigt wird, der auf Basis meiner bisherigen Bewertungen gefiltert wird, liegt die Sache anders.
Natürlich könnte ich meine Filterblase durchbrechen, indem ich mit Content außerhalb oder am Rande meiner Filterblase interagiere. Bei StudiVZ gab es damals eigens eine Gruppe für diese Taktik. Das kann aber hohe soziale Kosten haben. So vertritt Tijen Onaran in der Berliner Zeitung die Position, dass es in Ordnung ist, dass zwei "Likes" eine Karriere beenden.
Hier ein Zitat von Tijen Onaran aus der Berliner Zeitung (Hervorhebungen durch mich):
"Nehmen wir beispielsweise einen Like. Es ist ein Klick, nichts weiter. Es dauert nur den Bruchteil einer Sekunde – doch dieser kann eine Karriere beenden[...].
Ist das nun übertrieben oder gerechtfertigt? Ich finde, dass eindeutig Letzteres der Fall ist. Viel zu oft nehmen wir die Aktivitäten, die in Social Media stattfinden, auf die leichte Schulter. Aussagen wie „Ist doch eigentlich gar nicht so gemeint“ oder „Wird man ja wohl gut finden dürfen“ dürfen im Ernstfall nicht als Ausreden gelten."
Ich finde es traurig, weil es dazu führt, dass wir in allen Bereichen unseres Lebens defensiv handeln. Ich selbst jedenfalls habe schon öfter Kommentare nicht geschrieben, weil ich mir nicht sicher war, ob der Kommentar mir später mal schaden könnte und mir das Thema nicht wichtig genug war, das Risiko einzugehen. Ich schäme mich dann kurz, denke dann aber daran, dass man seine Schlachten sorgsam wählen sollte.
In der ersten Version dieses Beitrags war der der Absatz unmittelbar über diesem – aus den genannten Gründen – nicht enthalten.
Klasse finde ich in diesem Zusammenhang die Frage von Peter Thiel in Bewerbungsgesprächen (nach From Zero to One): Er fragt nach einer Überzeugung, die der Bewerber für wahr hält, jedoch nur wenige Personen mit ihm teilen würden.
Vielleicht gibt es aber auch Menschen in Sozialen Netzwerken, die dort nicht wegen der eigenen Marke sind. Marken sind stimmig und konsistent, Menschen sind es in der Regel nicht.
Ein Mörder kann ein liebevoller Vater sein.
Es gibt andere Motive auf Sozialen Medien aktiv zu sein, wie die Suche nach Erkenntnis. Vermutlich gibt es auch noch weitere Gründe. Wenn man dann noch einbezieht, dass Positionen sich ändern können, kommt das "Festnageln" auf alte Likes einem doch als Wink aus der Vergangenheit vor. Aus meiner Sicht liegt das Problem fast immer im Umgang mit dem Fehler und nicht im Fehler selbst.
Ich war zum Beispiel lange der festen Überzeugung, dass Förderschulen sinnvoll sind und es keine überzeugenden Gegenargumente gibt. Neulich bin ich dann mit jemandem ins Gespräch gekommen, der fehlerhaft diagnostiziert auf eine Förderschule geschickt wurde und nun seine Schulabschlüsse nachholt. Nun frage ich mich, wie oft Fehldiagnosen in dem Bereich wohl vorkommen.
Eine Demokratie muss sogar dumme Meinungen aushalten können und den Leuten das Recht geben, ihre Position zu ändern. Dazu gehört aus meiner Sicht aber der Wille zu erklären, dass sich die Position geändert hat. Als positives Beispiel erscheint mir in diesem Zusammenhang das Verhalten von Petra Pau.
Bei den wenigsten Problemen unserer Zeit gibt es ein schwarz-weiß. Die Reduktion auf richtig und falsch führt bei komplexen Themen häufig in die Irre. Es gibt eine ganze Reihe von Themen (beispielhaft: Homosexualität, Kernkraft, Wiedervereinigung), in denen die Auffassungen der Mehrheit der Bevölkerung sich in den letzten Jahrzehnten geändert hat. Dies ist jedoch nur möglich, wenn man Mindermeinungen in der Diskussion zulässt.
Die Befassung mit der Vergangenheit ist wichtig. Nur durch eine Befassung mit der Geschichte können wir diese Fehler in der Zukunft vermeiden. Es kann aber weder sein, dass man schon jeden Kontakt mit der anderen Meinung ablehnt, noch dass ein Algorithmus verhindert, dass ich mit andersartigen Meinungen in Kontakt komme.
Es bleibt gefährlich, wenn Plattformen davon ausgehen, dass sie vorhersagen, was mich interessiert. Meine aktuellen Umstände lässt der Algorithmus regelmäßig außer Acht. Vielleicht ist mir etwas Schlimmes widerfahren und nun sind Beiträge zur Resilienz für mich relevant. Sehr plakativ wird das Problem durch das Gedankenspiel zur Truthahn-Illusion.
Ein Truthahn sieht den Bauern. Er hat Angst, der Bauer könnte ihn töten, doch der Bauer füttert ihn. Am nächsten Tag füttert der Bauer ihn abermals. Mit jedem Tag wird der Truthahn sicherer, dass der Bauer zum Füttern kommt. Der Truthahn weiß nichts über Thanksgiving, US-amerikanische Bräuche oder den Kalender. Er kann den Tag seiner Schlachtung nicht vorhersagen.
Die Befassung mit neuen Themen, neuen Produkten und fremden Meinungen lohnt sich, weil wir daraus etwas für uns lernen können. Es wird uns auch helfen, Streit konstruktiv zu führen und damit zu besseren Lösungen zu kommen.
Wie ich dazu kam, einen MBA zu machen, wonach ich die Business School ausgesucht habe und was ich von einem MBA für Juristen halte, dazu schreibe ich – falls Interesse besteht (gerne in die Kommentare) – einen anderen Beitrag.
Im Sommer 2019 habe ich dann meine Masterarbeit über Design Thinking geschrieben. Meine ersten Kontakte mit Design Thinking hatte ich jedoch bereits 2017.
Es war im Kurs "Einführung in Entrepreneurship" bei Sven Ripsas als mir der erste Mini-Workshop zu "Design Thinking" begegnete.
Sven Ripsas ist derjenige, der das Konzept des Businessplans in den 90er Jahren nach Deutschland gebracht hat und ist heute Professor für Entrepreneurship an der Berlin Professional School.
Einige werden die "Gift-Giving-Experience" kennen.
Die Gift-Giving-Experience ist ein Micro-Workshop-Format der Stanford School of Design Thinking als Schnupperkurs für Design Thinking in knapp 90 Minuten.
Bei aller Unvollkommenheit der Gift-Giving-Experience: Diese erfahrbare Mischung zwischen konvergieren (einander annähernd) und divergierendem (auseinanderlaufend) Denken hat bei mir eine Reise angestoßen, die immer noch andauert.

Das Modell des doppelten Diamanten stammt vom British Design Council. Diese Abbildung ist leider nicht mehr auf deren Webseite enthalten.
Etwa einen Monat später hatte ich im beruflichen Kontext den ersten Kontakt mit Design Thinking mit Juristen. Kollegen aus unterschiedlichen Bereichen der Rechtsabteilung trafen sich an einem dritten Ort und haben an unterschiedlichen Fragestellungen mit Design Thinking gearbeitet. Daneben gab es etwas "Startup-Safari".
Es war inspirierend, wie sich das Verhalten der Kollegen in den zwei Tagen wandelte. Wir alle hatten jedoch Schwierigkeiten bei der Frage, wie das in unseren täglichen Ablauf passen sollte.
Die Arbeit hat letztlich auch einen ganz persönlichen Aufhänger. Ich habe das Gefühl, eine neue Welt entdeckt zu haben und möchte diese teilen. Natürlich ist die Welt nicht wirklich "neu", so wie Amerika vor der Entdeckung durch Kolumbus nicht neu war. Die Welt war die ganze Zeit da und doch war sie verborgen.
Während der gesamten Zeit meiner Ausbildung (Kindergarten, Schule, Studium) wurde mir immer suggeriert, man sei entweder kreativ oder analytisch.

Das oft gezeigte Bild der beiden Gehirnhälften stammt übrigens vom Nutzer ElisaRiva von Pixabay und wurde knapp 1,5 Mio mal heruntergeladen.
Ältere unter den Lesern kennen sicher noch die These, dass die eine Gehirnhälfte kreativ sei, die andere analytisch und eine von beiden sei dominant.
Diese Ansicht entspricht nicht mehr der aktuellen Forschung. Quellen finden sich in FN 2 meiner Masterarbeit (oder über Google).
Darüber hinaus wurde Kreativität zumeist in Verbindung gebracht mit "künstlerischen Fähigkeiten". Da ich nicht besonders gut zeichnen kann, aber mir Naturwissenschaften immer leicht gefallen sind, ist mir der Widerspruch auch nicht aufgefallen. Ich war eben analytisch. Auch die Prüfungen während der Ausbildung gehen zumeist von einer richtigen Antwort aus.
Sogar Lösungsskizzen in der juristischen Ausbildung gehen häufig von einer richtigen Lösung aus und kennzeichnen bestenfalls andere Lösungen als "vertretbar". Das engt den Blick auf mögliche Lösungen erheblich ein.
Es hätte durchaus Anhaltspunkte gegeben, an dieser Sicht zu zweifeln. Dennoch begriff ich Kreativität lange als etwas, was keinen großen Einfluss auf meine Arbeit hätte. Es war eher ein Add-on aus der privaten Welt (obwohl diese Ansicht gerade in der Rechtsgestaltung quatsch ist).
Der aufmerksame Leser hat natürlich gemerkt, dass ich mehr über meine Begegnung mit Design Thinking geschrieben habe, als darüber, warum ich nun dieses Thema für die Masterarbeit genommen habe. Gut nun hier also die Punkte:
Ich hatte gemerkt, dass es bei der Wahl von Themen für MBA-Hausarbeiten ähnlich ist, wie bei der Wahl der Stationen im Referendariat. Entweder sucht man sich eine Station, wo man Spannendes lernt oder man taucht und lernt etwas Anderes.
Tauchen oder nicht Tauchen?
Ich wollte gut darin werden, Design Thinking in mein berufliches Umfeld zu überführen. Wenn es mir gelänge weitere Wege zu finden, Kreativität als Jurist auszuleben, dann würde ich ein glücklicheres Arbeitsleben führen.
Ich glaube, dass die Sichtweise von Designern hilft mit schnellen Veränderungen der Welt und der Umgebung umzugehen. Disruption wird auch das Rechtswesen erreichen und Design Thinking ist eine Hilfe mit einer ungewissen Welt umzugehen.
Der Begriff dazu ist die VUCA-Welt.
Ich konnte mich über Wochen mit einem Thema beschäftigen und konnte Leute anschreiben und kennenlernen, die ich sonst nicht kennengelernt hätte. Eine einfachere Kontaktaufnahme als durch eine solche Arbeit gibt es wohl kaum.
Ich wollte tatsächlich etwas lernen, nicht eine schnelle Arbeit schreiben.
Ich habe unglaublich spannende Menschen kennengelernt und sehr spannende Gespräche geführt.
Es gibt mittlerweile ein paar Aufsätze zu Legal Design, aber es gibt keine Bücher über Legal Design Thinking. Es gibt englische Literatur, aber für viele Kollegen bleibt die englische Sprache eine Barriere. Zusammen mit der Barriere sich selbst als Kreativarbeiter zu betrachten, erschien mir das eine Barriere zu viel. Ich wollte also etwas schaffen, was deutschen Juristen den Zugang zum Thema erleichtert.
Aufsätze finden sich etwa im Legal Revolutionary oder der ReThinking Law.
Nein, ich hatte den Plan daraus ein Buch zu machen, weil ich glaube, dass die digitale Version abermals für viele Kollegen ein Hindernis darstellt. Ich habe es nun aber in einem knappen Jahr nicht umgesetzt bekommen, daher biete ich nun meine Masterarbeit in der Hochschulfassung (ohne Transkripte) auf dieser Seite zum Download an.
Falls jemand Interesse daran hat, meine Arbeit in ein Buch zu überführen, freue ich mich über eine Kontaktaufnahme.
Zum Download geht es rechts. Unter diesem Bild findet sich das Abstract der Arbeit.
Legal Design Thinking – über die Anwendung von Design Thinking als juristischer Berufsträger
Die Kernaufgaben von Juristen sind die Problemlösung und das Risikomanagement. Das Berufsspezifische liegt in der Art der Gefahren. Design Thinking ist eine Problemlösungsmethode zur Entwicklung von nutzerzentrierten Lösungen. Das Spezifische liegt hier in der Art der Lösung. Design Thinking räumt dem Problemverständnis eine erhebliche Bedeutung ein und entwickelt Lösungen mit schnellem Feedback eines Nutzers. Diese Arbeit untersucht, wie sich Methoden und Techniken aus der Lösungsmethode Design Thinking im juristischen Bereich einsetzen lassen.
Dabei stellt sich heraus, dass Juristen an bestimmten Stellen bereits Methoden und Techniken verwenden, die vergleichbar oder identisch zu Lösungsansätzen sind, die von Designern verwandt werden. Der typische Lösungsweg von Juristen für komplexe Aufgaben ist die Zergliederung in zahlreiche kleine Teilaufgaben. Die getrennt erarbeiteten Lösungsstücke werden schließlich zusammengefügt. Design Thinking ist auf radikale Zusammenarbeit ausgelegt. Wesentliche Schritte werden gemeinsam vorgenommen. Hier kann der Design-Werkzeugkasten die juristische Arbeit sinnvoll ergänzen. Es ist ausgesprochen effektiv, – beispielsweise bei einer AGB-Prüfung – Auslegungsvarianten in einer Gruppe mit Brainstorming-Techniken zu entwickeln. Die Aussage, diese Art des Vorgehens passe nicht zu den Herausforderungen, die Juristen zu bewältigen haben, erweist sich hauptsächlich als mentale Hürde des eigenen Selbst- und Fremdbilds.
Aus Sicht dieser Arbeit können diese Schnittpunkte zwischen der Tätigkeit eines Designers und der Tätigkeit eines Juristen geeignete Ansatzpunkte sein, das Selbst- und Fremdbild zu verändern und sich auf neue Methoden und perspektivisch auf eine interdisziplinäre Arbeitsweise einzulassen. Es werden einige für die juristische Arbeit übertragbare Methoden vorgestellt und Ansätze zur Einführung dieser Methoden in ein neues Umfeld besprochen.
Die Anwendung von „Legal Design“ oder „Legal Design Thinking“ ist ein junger Trend, der in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat. Einige Akteure aus diesem Umfeld wurden für diese Arbeit interviewt. Die Methoden können insbesondere dabei helfen juristische Arbeit verständlicher zu machen, das Miteinander zu verbessern und schneller auf Veränderungen zu reagieren. Diese Arbeit hilft Juristen und Designern Gemeinsamkeiten zu erkennen und zeigt die Anwendbarkeit von Design-Methoden für das juristische Umfeld auf.
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